Ein halbes Jahr im Nördlichen Eismeer

Foto Pål Ranheim

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Bis in die 1920er Jahre wurde die vulka­nis­che Insel Jan Mayen nur spo­radisch von Walfängern, Fuch­sjägern und Polar­forsch­ern besucht. Erst nach einem Gesetz vom 1930 wurde sie ein Teil vom Kön­i­gre­ich Nor­we­gen. Einen Ver­di­enst daran soll das Mete­o­rol­o­gis­che Insti­tut haben, das dort 1921 die erste mete­o­rol­o­gis­che Sta­tion gebaut hat. Bis auf eine kurze Unter­brechung während des Zweit­en Weltkrieges erstellt es dort sei­ther Berichte über die Wet­ter­lage im Nördlichen Eis­meer. Seit 1959 ist auch das Nor­wegis­che Mil­itär auf der Insel präsent. Bei­de Insti­tu­tio­nen entsenden ihre Mitar­beit­er für ein halbes bis ein Jahr auf die Insel. Auf den 71. Grad nördlich­er Bre­ite, 600km nördlich von Island und 950km west­lich von Nor­we­gen, auf eine 377km² große Insel mit­ten im Nördlichen Eis­meer. “Ver­rückt!”, dachte ich als mir ein Fre­und erzählte, dass er dort sechs Monate lang als Mete­o­rologe arbeit­en wird. “Benei­denswert!”, dachte ich, nach­dem ich seine Antworten auf die fol­gen­den Fra­gen wenige Tage von sein­er Heim­reise per Mail erhal­ten habe.

Hei Pål,
du wirst Jan Mayen bald ver­lassen, nach­dem du dort ein halbes Jahr gewohnt hast. Freust du dich darauf nach Hause zu kom­men oder kön­ntest du dir vorstellen noch länger zu bleiben?

Ich hat­te ein tolles halbes Jahr auf der Insel. Mit wun­der­bar­er Natur, Men­schen und Erleb­nis­sen. Aber alles hat ein Ende. Und es wird schön sein, nach Hause zu fahren und Fre­unde und Fam­i­lie wieder zu  tre­f­fen. An die Heim­reise habe ich aber eigentlich noch nicht viel gedacht. Ich kön­nte mir gut vorstellen, ein ganzes Jahr hier zu bleiben und den Win­ter auf Jan Mayen zu erleben. Die Zeit­en in denen es möglich war, sind aber lei­der vor­bei. Früher war man hier 12 Monate lang sta­tion­iert und das hat auch gut geklappt. Warum es geän­dert wurde, weiß ich nicht. Höchst­wahrschein­lich, seit nach dem Arbeitss­chutzge­setz für Arbeitsverträge die über sechs Monate gehen, ganz andere Regeln gel­ten.

Du arbeitest als Mete­o­rologe auf ein­er Insel mit­ten in der Ark­tis. Wie sieht denn dein All­t­ag aus?
Der All­t­ag auf Jan Mayen ist anders als zu Hause, und gle­ichzeit­ig doch ein biss­chen ähn­lich. All­t­ag ist ja All­t­ag. Und ist man auf der Arbeit, dann ist man halt auf der Arbeit. Aber da wir in Schicht­en arbeit­en und nicht täglich von 8 bis 16 Uhr, sind die Wochen­t­age etwas ver­tauscht. Plöt­zlich hat man frei am Dien­stag und Mittwoch, während die Anderen oft ger­ade da arbeit­en. Also muss man imstande sein, sich selb­st beschäfti­gen zu kön­nen.
Ich habe meine freien Tage zum Wan­dern in den Bergen und ent­lang der Küste genutzt, habe Filme geschaut, Büch­er gele­sen, lange Kaf­feep­ausen gemacht und mit den Anderen gequatscht, in der Werk­statt gebastelt, trainiert, Musik gehört usw. Alle Aktiv­itäten im Freien sind wet­ter­ab­hängig, also zu pla­nen, dass man näch­ste Woche wan­dern gehen wird, ist unnötig. Auf die langfristige Wet­ter­prog­nose sollte man sich nicht ver­lassen. Wir sagen hier oft, dass sie nur so lange stimmt, bis wir am Mor­gen aufwachen. Da weiß man dann, wie das Wet­ter wirk­lich wird. Man muss ler­nen, den Tag so zu nutzen, wie er ist. Ist das Wet­ter gut und man hat frei, muss man das, wom­it man ger­ade beschäftigt ist, liegen lassen, rauskom­men und den Tag genießen. Wenn man gerne am Com­put­er mit schnellem Inter­net sitzt, sollte man nicht hier­her kom­men. Das Handy hat hier auch keinen Emp­fang. Und ich fand es ganz toll, Urlaub von Tele­fon und Com­put­er zu haben.


Welche (Aus-)Bildung sollte man haben, wenn man sich um einen Job auf Jan Mayen bewirbt?
Wenn es um die Stelle des Mete­o­rolo­gen geht, so reicht im Prinzip ein Abitur, ein Führerschein der Klasse B und ein gutes Führungszeug­nis. Aber meis­tens wer­den Men­schen angestellt, die eine Kom­pe­tenz in der Mete­o­rolo­gie haben. Viele Mete­o­rolo­gen, die ger­ade mit der Aus­bil­dung fer­tig gewor­den sind, entschei­den sich für ein halbes Jahr im Eis­meer, um prak­tis­che Erfahrun­gen zu sam­meln.

Oft sind es aber die per­sön­lichen Eigen­schaften ein­er Per­son, die mehr zählen als eine spez­i­fis­che Aus­bil­dung. Außer­dem sollte man ein­fache, prak­tis­che Arbeit an den Gebäu­den und auf dem Gelände meis­tern kön­nen und bere­it sein, Arbeit zu machen, die nicht spez­i­fisch zum Wet­ter­di­enst gehört. Gibt es einen Wasser­rohrbruch und das Wass­er spritzt über­all herum, muss man es ein­fach so gut repari­eren, wie man kann. Einen Klemp­n­er anzu­rufen, so wie man es zu Hause macht, geht ja nicht.

Außer uns Vieren beim Wet­ter­di­enst, hat das Mil­itär eine Sta­tion auf der Insel. Sie sind es, die im Prinzip für das Tech­nis­che und Prak­tis­che der kleinen Gesellschaft sor­gen — Strom und Trinkwass­er pro­duzieren, für die Wartung der Gebäude sor­gen, Wege räu­men und Essen liefern usw. Bei denen sind also auch Elek­trik­er, Maschi­ne­nar­beit­er und Inge­nieure angestellt.

Ist es schwierig, eine Stelle auf Jan Mayen zu bekom­men?
Die Stellen beim “Met­ten” [Abkürzung für das Mete­o­rol­o­gis­che Insti­tut] sind beliebt gewor­den vor allem nach­dem der Nor­wegis­che Rund­funk NRK die TV-Serie Bjørnøya gezeigt hat. Soweit ich weiß, gab es über 200 Bewer­ber, als ich mich um die Stelle bewor­ben habe. Ich bin also sehr dankbar dafür, sie bekom­men zu haben.

Muss man eigentlich nor­wegis­ch­er Staats­bürg­er sein, um sich bewer­ben zu dür­fen?
Ja, das muss man sein. Ich glaube gele­sen zu haben, dass man min­destens zehn Jahre lang die nor­wegis­che Staat­sange­hörigkeit haben muss, um einen Job auf dem Eis­meer zu bekom­men. Ich weiß aber auch, dass hier eine Schwedin vor ein paar Jahren gear­beit­et hat. Die Zusam­me­nar­beit zwis­chen den skan­di­navis­chen Län­dern ist ja ganz nah, also glaube ich, dass es für Schwe­den und Dänen ein­fach­er ist, als z. B. für Amerikan­er. Wie es mit EU-Bürg­ern im All­ge­meinen ist, weiß ich nicht. Wenn man Lust hat, hier zu arbeit­en, muss man sich ein­fach nur bewer­ben. Es ist einen Ver­such wert.

Erstellt ihr Wet­ter­vorher­sagen nur für Seeleute oder kann jed­er eure Wet­ter­berichte irgend­wo find­en?
Wir senden die Vorher­sage für die hohe See zwei mal in 24 Stun­den über den Küsten­funk raus. Diese kann man auch auf der Seite des Mete­o­rol­o­gis­chen Insti­tuts lesen. Früher wurde die Vorher­sage für ein größeres Küstenge­bi­et aus­ges­trahlt, aber jet­zt gibt es eine dänis­che Wet­ter­sta­tion auf Grön­land, die für die Gebi­ete west­lich von Jan Mayen, also zwis­chen Jan Mayen und Grön­land, zuständig ist.

Wie ist übri­gens das Wet­ter auf der Insel ger­ade jet­zt?
Ger­ade jet­zt ist es grau: neblig, hohe Luft­feuchtigkeit, 7,5 Grad Cel­sius und schwach­er Wind. Sehr gewöhn­lich­es Wet­ter im Som­mer und im frühen Herb­st. Wenn der Nebel von der See­seite reinkommt, kann er wochen­lang auf der Insel liegen. Und das passiert auch ger­ade jet­zt. Also hoffe ich auf käl­tere Tage, sodass sich der Nebel hebt und wir besseres Wet­ter bekom­men. Mor­gen ist Sonne und wenig Wind gemeldet, also wollen wir zu dritt zum Høy­ber­god­den — Nor­we­gens west­lich­stem Punkt — wan­dern. Es wird jet­zt schon früher dunkel, also sehen wir auf dem Heimweg vielle­icht sog­ar Nordlichter. Ich glaube, dass es ein schön­er Tag wird. Wir hat­ten übri­gens einen ganz tollen Som­mer mit wenig Nieder­schlag und viel Sonne im Mai, Juni und Juli.

Am Anfang des Som­mers hat­test du große Bade­pläne gehabt und mir ein Bild in ein­er Bade­hose mit­ten im Eis­meer ver­sprochen. Wie viele Male war die Bade­hose tat­säch­lich an?
Hehe­he, das war ja mehr als Witz gemeint. Aber ja, die Bade­hose war mehrmals an. Im Meer habe ich sie allerd­ings nicht ange­habt. Dort war ich nackt baden. Es ist eine Tra­di­tion, die die Meis­ten ein­hal­ten und dann die Mit­glied­schaft im “Ishavets Nøgen­bade­foren­ing” (Nack­t­bade­v­ere­in des Eis­meers) erhal­ten. Ich habe zusam­men mit vier anderen gebadet. Ich glaube, dass es im April war. Das Wass­er war 1,1 Grad warm und es lag noch Schnee. Es war erfrischend, kann man also sagen. 🙂

Wir haben aber auch ein Wasser­reser­voir draußen vor der Sta­tion, in dem man baden kann. Das Wass­er im Reser­voir ist zur Not da, falls es einen Brand geben sollte. Außer­dem ist es ein sehr wertgeschätzter Ort, an dem man entspan­nen kann. Der Prozess dahin­ter ist ganz schlau, finde ich. Das Wass­er wird aus dem Meer in eine Wasser­sta­tion gepumpt, wo es entsalzt wird. Dann wird es unter anderem zum Kühlen der drei Gen­er­a­toren benutzt, die Strom für die Insel pro­duzieren. Danach wird es durch das Reser­voir wieder zurück ins Meer geführt. Ein toller lokaler Wasserkreis­lauf. Beim Kühlen der Gen­er­a­toren erwärmt sich das Wass­er auf ca. 36–39 Grad Cel­sius, auf eine per­fek­te Bade­tem­per­atur also. Es ist super toll in diesem Wass­er zu sitzen, auch bei Schneesturm und Minus­graden. Es ist wie ein kün­stlich­er “Hot Spring”, etwas was man vielle­icht aus Island ken­nt. Ein Kreis­lauf, bei dem wir den Wärmeüber­schuss zum per­sön­lichen Wohlbefind­en nutzen kön­nen.

Es ist bekan­nt, dass Ver­schmutzung ein großes ökol­o­gis­ches Prob­lem im Nördlichen Eis­meer ist. Ist es auch auf Jan Mayen so?
Ja, sehr viel Abfall erre­icht auch hier die Küste, so wie über­all in den Küstenge­bi­eten. Es ist unglaublich, was man auf den Strän­den find­et. Alles von Sham­pooflaschen, Kun­st­stof­fkanis­tern, Sports­chuhen, Seilen, Fis­chk­isten, Wein­flaschen, Net­zen… Ich habe noch keine Flaschen­post gefun­den, obwohl ich in alle Flaschen geguckt habe, die ich fand. Ohne Erfolg.

Es liegen hier auch viele alte Fass­deck­el und viel Treib­holz — vor allem Kiefer und Sibirische Lärche, die von den Meer­esströ­mungen hier­her gebracht wird. Das Treib­holz wird höchst­wahrschein­lich beim Trans­port von den Schif­f­en ver­loren, die auf dem Weißen Meer in Rus­s­land segeln, oder kommt über Flüsse ins Weiße Meer. Einige von den Stäm­men sind sehr mas­siv, und beim Zählen der Jahres­ringe stellt man oft fest, dass sie mehrere Hun­derte von Jahren alt sind.

Küm­mert sich das Mil­itär oder das Mete­o­rol­o­gis­che Insti­tut um die Abfal­l­entsorgung?
Ja, wir haben ein paar mal einige Strände sauber gemacht, aber das ist frei­willig. Der Abfall wird in Säcke gesam­melt und ein­mal pro Jahr mit Schif­f­en zum Fes­t­land geschickt. Nach Absprache mit dem Nor­wegis­chen Umwelt­di­rek­torat bekom­men wir eine kleine Summe Geld für jeden Sack, den wir füllen. Das Geld geht an den “Hob­byk­lub” und wir benutzten es, um Sportaus­rüs­tung, Ski, Musikin­stru­mente u. Ä. zu kaufen, die alle nutzen kön­nen. Ich glaube, dass wir im Laufe des let­zten hal­ben Jahres ca. vier Kubik­me­ter, eine halbe Tonne, gesam­melt haben.


Im Laufe des Som­mers hat­tet ihr auch Besuch­er — zum Beispiel von Kreuz­fahrtschif­f­en. Dür­fen die Pas­sagiere ans Land kom­men?
Ja, es kom­men einige Kreuz­fahrtschiffe, außer­dem auch einzelne Forschungs­boote und kleinere, pri­vate Segel­boote. Alle Gäste müssen ihre Ankun­ft im Voraus anmelden und dür­fen sich max­i­mal 24 Stun­den auf der Insel aufhal­ten. Sie müssen eine eigene  Ausstat­tung zum Über­nacht­en dabei haben. Es gibt nur einen Ort auf der Insel an dem sie zel­ten dür­fen. In eini­gen Fällen kann man eine Aufen­thalt­ser­laub­nis, die bis zu zu ein­er Woche lang gültig ist, bekom­men. Diese wird weit­ge­hend nur für tech­nis­ches Per­son­al, Forsch­er und Men­schen mit Verbindung zu Kul­tur­denkmälern auf der Insel aus­gestellt. Zum Beispiel war ein Nieder­län­der, von der Nieder­ländis­chen Marine, für eine Woche hier, um ein Denkmal auf den Gräbern von nieder­ländis­chen Walfängern zu ren­ovieren, die hier im 17. Jahrhun­dert umgekom­men sind.

Große Teile der Insel ste­hen unter Schutz, also gibt es strenge Regeln, wenn man das Land betreten will. Bricht man die Vorschriften, wartet eine hohe Geld­strafe. Der Sta­tion­schef hat Polizeibefug­nis und darf nach dem Gesetz Geld­strafen erteilen, was auch schon passiert ist.

Bekom­men die Touris­ten Führun­gen auf der Insel?
Alle Kreuz­fahrtschiffe haben eigene Expe­di­tion­steams, die das Anle­gen und die Führun­gen selb­st übernehmen. Es gibt auf der Insel keinen Kai, also müssen alle mit Ten­der­booten ans Land gebracht wer­den. Dies ist auf Grund der Meeres­be­we­gun­gen oft nicht ein­fach. Ein Paar Schiffe sind nur vor­beige­fahren, da sie es nicht für sich­er hiel­ten, an Land zu gehen.

Wir nehmen nur dann Schiffe ent­ge­gen, wenn wir die Sicher­heit für alle, die ans Land kom­men, garantieren kön­nen. Der Sta­tion­schef entschei­det fort­laufend darüber.

Natür­lich möcht­en wir gast­fre­undlich und für die Gäste zugänglich sein. Aber wir haben auch unsere Arbeit, um die wir uns küm­mern müssen und haben daher nicht viel Möglichkeit zu umfassenden Führun­gen. Die Gäste dür­fen Teile der Sta­tion besuchen und sich auf dem Sta­tion­s­gelände umschauen, in unserem kleinen Laden einkaufen und bekom­men einen Stem­pel in den Pass, wenn sie es möcht­en. Immer wenn ich die Gele­gen­heit hat­te, habe ich mit den Gästen ein biss­chen gesprochen, ihnen von der Insel und der Sta­tion erzählt. 

Aus welchen Län­dern kom­men all diese Schiffe?
Von den Kreuz­fahrtschif­f­en war es eine nieder­ländis­che Reed­erei, die mit zwei Expe­di­tio­nen kam, ein japanis­ches Schiff, auf dem der Alters­durch­schnitt der Pas­sagiere 85 Jahre war, die Fram von den nor­wegis­chen Hur­tigruten war auch ein Mal hier und dazu noch ein Boot von Nation­al Geo­graph­ic.

Das let­zte nieder­ländis­che Schiff kam im Juni. Wir wur­den an Bord ein­ge­laden als die meis­ten Touris­ten an Land waren. Wir sind dann um den Nord-Jan gesegelt und sind auf der anderen Seite der Insel wieder ans Land gekom­men. Das war sehr ein­drucksvoll. Wir haben auch etwas Gemüse und Obst geschenkt bekom­men, was sehr her­zlich ent­ge­gengenom­men wurde.

Wie ist es mit per­sön­lichen Besuch­ern — Fam­i­lie und Fre­un­den? Es ist wohl nicht so ein­fach, Besuch zu bekom­men oder kurz mal heim zu fahren?
Nein, es ist nicht so ein­fach. Die Lan­de­bahn ist nur ein paar Monate im Jahr geöffnet. Der Grund dafür ist nass­er Sand und viel Ober­flächen­wass­er nach dem Win­ter. Es ist auch weit nach Nor­we­gen, ca. drei Stun­den Flugzeit, also muss man die Reise gut pla­nen. Nur Mil­itär­flugzeuge fliegen hier­her. Man kann zwar auch mit Hub­schraubern von Island aus hier­her fliegen, aber da muss man hier vor der Rück­reise nach­tanken. Wir haben ein Treib­stof­flager, jedoch nur für den Not­fall, also bekom­men wir keine Hub­schrauberbe­suche.

Während ich hier war, gab es zwei Flugzeu­gankün­fte. Es war jet­zt im August und es lag eine Woche zwis­chen ihnen. Ich hat­te das Glück, Tages­be­such von zwei Fre­un­den zu bekom­men. Sie waren für ca. fünf Stun­den hier, bevor sie wieder heim geflo­gen sind.

Außer­dem gibt es immer im März und im Sep­tem­ber Flugzeu­gankün­fte wegen der Kontin­gen­twech­sel und noch eine Flugverbindung an Wei­h­nacht­en.

In der Peri­ode für die man hier ist, gibt es nur sel­ten Gele­gen­heit in den Urlaub nach Hause zu fliegen. Nur in sehr beson­deren Fällen, wie ern­sthafte Erkrankung naher Ange­höriger, wird eine Son­der­trans­port­möglichkeit organ­isiert.

Wie viele Men­schen leben ins­ge­samt auf der Insel?
Wir sind hier 18 Men­schen, die eng nebeneinan­der leben — in guten und schlecht­en Zeit­en, meist in den Guten. Wir essen Früh­stück, Mit­tag- und Aben­dessen jeden Tag zum gle­ichen Zeit­punkt, wir arbeit­en zusam­men, wir sehen einan­der die ganze Zeit…

Wenn man sich eure Seite anschaut und dort den kleinen Blog liest, sieht man gle­ich, dass ihr sehr sozial seid und viel Spaß zusam­men habt: es gab Geburt­stags­feiern, ein 17. Mai Fest usw. Hat man über­haupt Zeit für sich selb­st?
Gute Frage, auf die ich ja und nein antworten würde. Wenn man sich auf der Insel wohl fühlen soll, ist es wichtig, gut allein zurecht zu kom­men, aber im sel­ben Grad muss man gut mit anderen Men­schen zusam­men­leben kön­nen. Man muss zum Gemein­schaft­sleben und zum Zusam­men­halt beitra­gen. Und ger­ade das macht ja Spaß. Wenn man ins Eis­meer möchte, um in Ruhe gelassen zu wer­den und isoliert von anderen zu leben, hat man eine falsche Vorstel­lung von dem Leben hier und sollte noch ein­mal drüber nach­denken, warum und ob man hier­her kom­men möchte. Eine Per­son, die sich von den anderen abgren­zt, kann es für die ganze Gruppe kaputtmachen und wird nur sel­ten angestellt. Wenn man im Kof­fer per­sön­liche Prob­leme mit­bringt, wer­den sie hier zehn mal größer. Alles wird sicht­bar. Ist man zu Hause etwas trüb­sin­nig, kann man sich sich­er sein, dass es durch den Aufen­thalt hier nicht bess­er wird. Ich glaube, dass ein geord­neter Sinn und eine sta­bile Gefühlslage nötig sind, damit man hier eine schöne Zeit hat.

Die Gruppe wird zu ein­er Art großen Fam­i­lie. Und wie die meis­ten sicher­lich wis­sen, kön­nen Fam­i­lien­aben­dessen mal sehr schön sein und mal nicht so viel Spaß machen.  So ist es ein­fach. Eigentlich denke ich über sowas aber sel­ten nach und sehe in dieser Hin­sicht kein Prob­lem. Die Tage sind in der Regel gefüllt mit viel Lachen und Freude. Ich habe hier wun­der­bare Men­schen ken­nen­gel­ernt und an manche Augen­blicke mit ihnen werde ich mich für immer erin­nern.

Und natür­lich ist es möglich, alleine zu sein. Jed­er von uns hat eine kleine Woh­nung, in die man sich zurückziehen kann. Es ist hier nicht so wie auf dem Fes­t­land, wo man sich zwis­chen ver­schiede­nen Sozialkreisen frei bewe­gen, halb­nackt in der Woh­nung rum­laufen und laut Musik hören kann. Es ist eher wie in einem Stu­den­ten­wohn­heim zu wohnen.

Man kann auch alleine wan­dern gehen. Es gibt einige Wan­der­hüt­ten, alte Jäger­hüt­ten und Forschungssta­tio­nen, die wir nutzen dür­fen. Einige sind leichter zu erre­ichen als andere und wenn man wirk­lich alleine sein möchte, kann man für ein paar Tage zu ein­er von den ganz unzugänglichen gehen. Einige haben Platz für nur einen Über­nach­tungs­gast. Und es sind einige Dutzend Kilo­me­ter bis zum näch­sten Nach­barn.

Was war das Toll­ste, das du auf Jan Mayen erlebt hast?
Es gibt so viel. Mein Traum war es, auf den Beeren­berg hochzuk­let­tern, einen Vulkan, der 2.277 Meter in die Höhe ragt. Die Wan­derung dahin ste­ht als Höhep­unkt ganz vorn. Es ist eine fan­tastis­che Tour, bei der man die meiste Zeit einen Gletsch­er mit vie­len Spal­ten und Schlucht­en hoch läuft und eine wun­der­bare Aus­sicht genießt. “Die läng­ste Stei­gung Nor­we­gens”, wird der genan­nt. Man begin­nt auf Meere­sebene und geht nur hoch. Wir sind ins­ge­samt 18,5 Stun­den lang gelaufen, im strahlen­den Son­nen­schein über 400 Meter Höhe. Unvergesslich!

Und den Über­gang vom Win­ter zum Früh­ling zum Som­mer und zum Herb­st hier in der Ark­tis erleben zu kön­nen, ist magisch. Die Insel bekommt jeden Som­mer ein neues Leben mit allen Vögeln die hier­her kom­men, um zu nis­ten, Walen, die direkt vor der Küste jagen, und Far­bkon­trasten in der Natur. Aus ein­er stillen, windi­gen und unfrucht­baren Insel, nur mit Schnee, Eis und schwarzen Lavasteinen bedeckt, wird plöt­zlich ein Ort voll wim­mel­n­dem Leben, mit vie­len neuen Geräuschen und Far­ben. Es gibt hier keine Bäume, aber sehr viel dick­es Moos, in dem ich sehr gerne liege und dabei die Wolken­fig­uren beobachte. Wenn es an einem Tag nass ist und danach das Wet­ter gut ist, wird das Moos irre grün und fast selb­stleuch­t­end. Ganz unglaublich. Kleine Freuden, aber sie sind unvergesslich.

Nach dein­er Erfahrung von den let­zten sechs Monat­en — was sind die fünf wichtig­sten Sachen, die man dabei haben muss, wenn man auf ein­er öden (ark­tis­chen) Insel stran­det?
Erfind­ungs­gabe, gute Laune und sehr viel Freigiebigkeit den anderen Men­schen gegenüber. Dazu auch noch warme Klei­dung und außergewöhn­lich gute Schuhe. Die vulka­nis­chen Steine sind scharf wie Mess­er und das Schuh­w­erk nutzt sich schnell ab.

Du hat­test also eine wun­der­bare Zeit, hättest auch Lust den Win­ter auf der Insel zu erleben — heißt es vielle­icht, dass du dich nochmal auf den Job bewer­ben wirst, um zurück zu kom­men?
Ich hoffe, dass ich ein­mal zurück kom­men werde. Es ist ja so schön hier zu sein. Aber ich glaube, dass das Klüg­ste, was man hierzu sagen kann, wäre, dass ich es am besten wis­sen werde, wenn ich von dem Ganzen etwas Abstand bekom­men habe. Ger­ade jet­zt befinde ich mich immer noch in ein­er Blase.

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