Ein halbes Jahr im Nördlichen Eismeer

Foto Pål Ranheim

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Bis in die 1920er Jah­re wur­de die vul­ka­ni­sche Insel Jan May­en nur spo­ra­disch von Wal­fän­gern, Fuchs­jä­gern und Polar­for­schern besucht. Erst nach einem Gesetz vom 1930 wur­de sie ein Teil vom König­reich Nor­we­gen. Einen Ver­dienst dar­an soll das Meteo­ro­lo­gi­sche Insti­tut haben, das dort 1921 die ers­te meteo­ro­lo­gi­sche Sta­ti­on gebaut hat. Bis auf eine kur­ze Unter­bre­chung wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges erstellt es dort seit­her Berich­te über die Wet­ter­la­ge im Nörd­li­chen Eis­meer. Seit 1959 ist auch das Nor­we­gi­sche Mili­tär auf der Insel prä­sent. Bei­de Insti­tu­tio­nen ent­sen­den ihre Mit­ar­bei­ter für ein hal­bes bis ein Jahr auf die Insel. Auf den 71. Grad nörd­li­cher Brei­te, 600km nörd­lich von Island und 950km west­lich von Nor­we­gen, auf eine 377km² gro­ße Insel mit­ten im Nörd­li­chen Eis­meer. “Ver­rückt!”, dach­te ich als mir ein Freund erzähl­te, dass er dort sechs Mona­te lang als Meteo­ro­lo­ge arbei­ten wird. “Benei­dens­wert!”, dach­te ich, nach­dem ich sei­ne Ant­wor­ten auf die fol­gen­den Fra­gen weni­ge Tage von sei­ner Heim­rei­se per Mail erhal­ten habe.

Hei Pål,
du wirst Jan May­en bald ver­las­sen, nach­dem du dort ein hal­bes Jahr gewohnt hast. Freust du dich dar­auf nach Hau­se zu kom­men oder könn­test du dir vor­stel­len noch län­ger zu bleiben?

Ich hat­te ein tol­les hal­bes Jahr auf der Insel. Mit wun­der­ba­rer Natur, Men­schen und Erleb­nis­sen. Aber alles hat ein Ende. Und es wird schön sein, nach Hau­se zu fah­ren und Freun­de und Fami­lie wie­der zu  tref­fen. An die Heim­rei­se habe ich aber eigent­lich noch nicht viel gedacht. Ich könn­te mir gut vor­stel­len, ein gan­zes Jahr hier zu blei­ben und den Win­ter auf Jan May­en zu erle­ben. Die Zei­ten in denen es mög­lich war, sind aber lei­der vor­bei. Frü­her war man hier 12 Mona­te lang sta­tio­niert und das hat auch gut geklappt. War­um es geän­dert wur­de, weiß ich nicht. Höchst­wahr­schein­lich, seit nach dem Arbeits­schutz­ge­setz für Arbeits­ver­trä­ge die über sechs Mona­te gehen, ganz ande­re Regeln gelten.

Du arbei­test als Meteo­ro­lo­ge auf einer Insel mit­ten in der Ark­tis. Wie sieht denn dein All­tag aus?
Der All­tag auf Jan May­en ist anders als zu Hau­se, und gleich­zei­tig doch ein biss­chen ähn­lich. All­tag ist ja All­tag. Und ist man auf der Arbeit, dann ist man halt auf der Arbeit. Aber da wir in Schich­ten arbei­ten und nicht täg­lich von 8 bis 16 Uhr, sind die Wochen­ta­ge etwas ver­tauscht. Plötz­lich hat man frei am Diens­tag und Mitt­woch, wäh­rend die Ande­ren oft gera­de da arbei­ten. Also muss man imstan­de sein, sich selbst beschäf­ti­gen zu können.
Ich habe mei­ne frei­en Tage zum Wan­dern in den Ber­gen und ent­lang der Küs­te genutzt, habe Fil­me geschaut, Bücher gele­sen, lan­ge Kaf­fee­pau­sen gemacht und mit den Ande­ren gequatscht, in der Werk­statt gebas­telt, trai­niert, Musik gehört usw. Alle Akti­vi­tä­ten im Frei­en sind wet­ter­ab­hän­gig, also zu pla­nen, dass man nächs­te Woche wan­dern gehen wird, ist unnö­tig. Auf die lang­fris­ti­ge Wet­ter­pro­gno­se soll­te man sich nicht ver­las­sen. Wir sagen hier oft, dass sie nur so lan­ge stimmt, bis wir am Mor­gen auf­wa­chen. Da weiß man dann, wie das Wet­ter wirk­lich wird. Man muss ler­nen, den Tag so zu nut­zen, wie er ist. Ist das Wet­ter gut und man hat frei, muss man das, womit man gera­de beschäf­tigt ist, lie­gen las­sen, raus­kom­men und den Tag genie­ßen. Wenn man ger­ne am Com­pu­ter mit schnel­lem Inter­net sitzt, soll­te man nicht hier­her kom­men. Das Han­dy hat hier auch kei­nen Emp­fang. Und ich fand es ganz toll, Urlaub von Tele­fon und Com­pu­ter zu haben.


Wel­che (Aus-)Bildung soll­te man haben, wenn man sich um einen Job auf Jan May­en bewirbt?
Wenn es um die Stel­le des Meteo­ro­lo­gen geht, so reicht im Prin­zip ein Abitur, ein Füh­rer­schein der Klas­se B und ein gutes Füh­rungs­zeug­nis. Aber meis­tens wer­den Men­schen ange­stellt, die eine Kom­pe­tenz in der Meteo­ro­lo­gie haben. Vie­le Meteo­ro­lo­gen, die gera­de mit der Aus­bil­dung fer­tig gewor­den sind, ent­schei­den sich für ein hal­bes Jahr im Eis­meer, um prak­ti­sche Erfah­run­gen zu sammeln.

Oft sind es aber die per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten einer Per­son, die mehr zäh­len als eine spe­zi­fi­sche Aus­bil­dung. Außer­dem soll­te man ein­fa­che, prak­ti­sche Arbeit an den Gebäu­den und auf dem Gelän­de meis­tern kön­nen und bereit sein, Arbeit zu machen, die nicht spe­zi­fisch zum Wet­ter­dienst gehört. Gibt es einen Was­ser­rohr­bruch und das Was­ser spritzt über­all her­um, muss man es ein­fach so gut repa­rie­ren, wie man kann. Einen Klemp­ner anzu­ru­fen, so wie man es zu Hau­se macht, geht ja nicht.

Außer uns Vie­ren beim Wet­ter­dienst, hat das Mili­tär eine Sta­ti­on auf der Insel. Sie sind es, die im Prin­zip für das Tech­ni­sche und Prak­ti­sche der klei­nen Gesell­schaft sor­gen — Strom und Trink­was­ser pro­du­zie­ren, für die War­tung der Gebäu­de sor­gen, Wege räu­men und Essen lie­fern usw. Bei denen sind also auch Elek­tri­ker, Maschi­nen­ar­bei­ter und Inge­nieu­re angestellt.

Ist es schwie­rig, eine Stel­le auf Jan May­en zu bekommen?
Die Stel­len beim “Met­ten” [Abkür­zung für das Meteo­ro­lo­gi­sche Insti­tut] sind beliebt gewor­den vor allem nach­dem der Nor­we­gi­sche Rund­funk NRK die TV-Serie Bjørnøya gezeigt hat. Soweit ich weiß, gab es über 200 Bewer­ber, als ich mich um die Stel­le bewor­ben habe. Ich bin also sehr dank­bar dafür, sie bekom­men zu haben.

Muss man eigent­lich nor­we­gi­scher Staats­bür­ger sein, um sich bewer­ben zu dürfen?
Ja, das muss man sein. Ich glau­be gele­sen zu haben, dass man min­des­tens zehn Jah­re lang die nor­we­gi­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit haben muss, um einen Job auf dem Eis­meer zu bekom­men. Ich weiß aber auch, dass hier eine Schwe­din vor ein paar Jah­ren gear­bei­tet hat. Die Zusam­men­ar­beit zwi­schen den skan­di­na­vi­schen Län­dern ist ja ganz nah, also glau­be ich, dass es für Schwe­den und Dänen ein­fa­cher ist, als z. B. für Ame­ri­ka­ner. Wie es mit EU-Bür­gern im All­ge­mei­nen ist, weiß ich nicht. Wenn man Lust hat, hier zu arbei­ten, muss man sich ein­fach nur bewer­ben. Es ist einen Ver­such wert. 

Erstellt ihr Wet­ter­vor­her­sa­gen nur für See­leu­te oder kann jeder eure Wet­ter­be­rich­te irgend­wo finden?
Wir sen­den die Vor­her­sa­ge für die hohe See zwei mal in 24 Stun­den über den Küs­ten­funk raus. Die­se kann man auch auf der Sei­te des Meteo­ro­lo­gi­schen Insti­tuts lesen. Frü­her wur­de die Vor­her­sa­ge für ein grö­ße­res Küs­ten­ge­biet aus­ge­strahlt, aber jetzt gibt es eine däni­sche Wet­ter­sta­ti­on auf Grön­land, die für die Gebie­te west­lich von Jan May­en, also zwi­schen Jan May­en und Grön­land, zustän­dig ist.

Wie ist übri­gens das Wet­ter auf der Insel gera­de jetzt?
Gera­de jetzt ist es grau: neb­lig, hohe Luft­feuch­tig­keit, 7,5 Grad Cel­si­us und schwa­cher Wind. Sehr gewöhn­li­ches Wet­ter im Som­mer und im frü­hen Herbst. Wenn der Nebel von der See­sei­te rein­kommt, kann er wochen­lang auf der Insel lie­gen. Und das pas­siert auch gera­de jetzt. Also hof­fe ich auf käl­te­re Tage, sodass sich der Nebel hebt und wir bes­se­res Wet­ter bekom­men. Mor­gen ist Son­ne und wenig Wind gemel­det, also wol­len wir zu dritt zum Høy­ber­god­den — Nor­we­gens west­lichs­tem Punkt — wan­dern. Es wird jetzt schon frü­her dun­kel, also sehen wir auf dem Heim­weg viel­leicht sogar Nord­lich­ter. Ich glau­be, dass es ein schö­ner Tag wird. Wir hat­ten übri­gens einen ganz tol­len Som­mer mit wenig Nie­der­schlag und viel Son­ne im Mai, Juni und Juli.

Am Anfang des Som­mers hat­test du gro­ße Bade­plä­ne gehabt und mir ein Bild in einer Bade­ho­se mit­ten im Eis­meer ver­spro­chen. Wie vie­le Male war die Bade­ho­se tat­säch­lich an?
Hehe­he, das war ja mehr als Witz gemeint. Aber ja, die Bade­ho­se war mehr­mals an. Im Meer habe ich sie aller­dings nicht ange­habt. Dort war ich nackt baden. Es ist eine Tra­di­ti­on, die die Meis­ten ein­hal­ten und dann die Mit­glied­schaft im “Isha­vets Nøgen­ba­de­fo­re­ning” (Nackt­ba­de­ver­ein des Eis­meers) erhal­ten. Ich habe zusam­men mit vier ande­ren geba­det. Ich glau­be, dass es im April war. Das Was­ser war 1,1 Grad warm und es lag noch Schnee. Es war erfri­schend, kann man also sagen. 🙂

Wir haben aber auch ein Was­ser­re­ser­voir drau­ßen vor der Sta­ti­on, in dem man baden kann. Das Was­ser im Reser­voir ist zur Not da, falls es einen Brand geben soll­te. Außer­dem ist es ein sehr wertgeschätz­ter Ort, an dem man ent­span­nen kann. Der Pro­zess dahin­ter ist ganz schlau, fin­de ich. Das Was­ser wird aus dem Meer in eine Was­ser­sta­ti­on gepumpt, wo es ent­salzt wird. Dann wird es unter ande­rem zum Küh­len der drei Gene­ra­to­ren benutzt, die Strom für die Insel pro­du­zie­ren. Danach wird es durch das Reser­voir wie­der zurück ins Meer geführt. Ein tol­ler loka­ler Was­ser­kreis­lauf. Beim Küh­len der Gene­ra­to­ren erwärmt sich das Was­ser auf ca. 36–39 Grad Cel­si­us, auf eine per­fek­te Bade­tem­pe­ra­tur also. Es ist super toll in die­sem Was­ser zu sit­zen, auch bei Schnee­sturm und Minus­gra­den. Es ist wie ein künst­li­cher “Hot Spring”, etwas was man viel­leicht aus Island kennt. Ein Kreis­lauf, bei dem wir den Wär­me­über­schuss zum per­sön­li­chen Wohl­be­fin­den nut­zen können. 

Es ist bekannt, dass Ver­schmut­zung ein gro­ßes öko­lo­gi­sches Pro­blem im Nörd­li­chen Eis­meer ist. Ist es auch auf Jan May­en so?
Ja, sehr viel Abfall erreicht auch hier die Küs­te, so wie über­all in den Küs­ten­ge­bie­ten. Es ist unglaub­lich, was man auf den Strän­den fin­det. Alles von Sham­poo­fla­schen, Kunst­stoff­ka­nis­tern, Sport­schu­hen, Sei­len, Fisch­kis­ten, Wein­fla­schen, Net­zen… Ich habe noch kei­ne Fla­schen­post gefun­den, obwohl ich in alle Fla­schen geguckt habe, die ich fand. Ohne Erfolg.

Es lie­gen hier auch vie­le alte Fass­de­ckel und viel Treib­holz — vor allem Kie­fer und Sibi­ri­sche Lär­che, die von den Mee­res­strö­mun­gen hier­her gebracht wird. Das Treib­holz wird höchst­wahr­schein­lich beim Trans­port von den Schif­fen ver­lo­ren, die auf dem Wei­ßen Meer in Russ­land segeln, oder kommt über Flüs­se ins Wei­ße Meer. Eini­ge von den Stäm­men sind sehr mas­siv, und beim Zäh­len der Jah­res­rin­ge stellt man oft fest, dass sie meh­re­re Hun­der­te von Jah­ren alt sind.

Küm­mert sich das Mili­tär oder das Meteo­ro­lo­gi­sche Insti­tut um die Abfallentsorgung?
Ja, wir haben ein paar mal eini­ge Strän­de sau­ber gemacht, aber das ist frei­wil­lig. Der Abfall wird in Säcke gesam­melt und ein­mal pro Jahr mit Schif­fen zum Fest­land geschickt. Nach Abspra­che mit dem Nor­we­gi­schen Umwelt­di­rek­to­rat bekom­men wir eine klei­ne Sum­me Geld für jeden Sack, den wir fül­len. Das Geld geht an den “Hob­by­klub” und wir benutz­ten es, um Sport­aus­rüs­tung, Ski, Musik­in­stru­men­te u. Ä. zu kau­fen, die alle nut­zen kön­nen. Ich glau­be, dass wir im Lau­fe des letz­ten hal­ben Jah­res ca. vier Kubik­me­ter, eine hal­be Ton­ne, gesam­melt haben. 


Im Lau­fe des Som­mers hat­tet ihr auch Besu­cher — zum Bei­spiel von Kreuz­fahrt­schif­fen. Dür­fen die Pas­sa­gie­re ans Land kommen?
Ja, es kom­men eini­ge Kreuz­fahrt­schif­fe, außer­dem auch ein­zel­ne For­schungs­boo­te und klei­ne­re, pri­va­te Segel­boo­te. Alle Gäs­te müs­sen ihre Ankunft im Vor­aus anmel­den und dür­fen sich maxi­mal 24 Stun­den auf der Insel auf­hal­ten. Sie müs­sen eine eige­ne  Aus­stat­tung zum Über­nach­ten dabei haben. Es gibt nur einen Ort auf der Insel an dem sie zel­ten dür­fen. In eini­gen Fäl­len kann man eine Auf­ent­halts­er­laub­nis, die bis zu zu einer Woche lang gül­tig ist, bekom­men. Die­se wird weit­ge­hend nur für tech­ni­sches Per­so­nal, For­scher und Men­schen mit Ver­bin­dung zu Kul­tur­denk­mä­lern auf der Insel aus­ge­stellt. Zum Bei­spiel war ein Nie­der­län­der, von der Nie­der­län­di­schen Mari­ne, für eine Woche hier, um ein Denk­mal auf den Grä­bern von nie­der­län­di­schen Wal­fän­gern zu reno­vie­ren, die hier im 17. Jahr­hun­dert umge­kom­men sind.

Gro­ße Tei­le der Insel ste­hen unter Schutz, also gibt es stren­ge Regeln, wenn man das Land betre­ten will. Bricht man die Vor­schrif­ten, war­tet eine hohe Geld­stra­fe. Der Sta­ti­ons­chef hat Poli­zei­be­fug­nis und darf nach dem Gesetz Geld­stra­fen ertei­len, was auch schon pas­siert ist.

Bekom­men die Tou­ris­ten Füh­run­gen auf der Insel?
Alle Kreuz­fahrt­schif­fe haben eige­ne Expe­di­ti­ons­teams, die das Anle­gen und die Füh­run­gen selbst über­neh­men. Es gibt auf der Insel kei­nen Kai, also müs­sen alle mit Ten­der­boo­ten ans Land gebracht wer­den. Dies ist auf Grund der Mee­res­be­we­gun­gen oft nicht ein­fach. Ein Paar Schif­fe sind nur vor­bei­ge­fah­ren, da sie es nicht für sicher hiel­ten, an Land zu gehen.

Wir neh­men nur dann Schif­fe ent­ge­gen, wenn wir die Sicher­heit für alle, die ans Land kom­men, garan­tie­ren kön­nen. Der Sta­ti­ons­chef ent­schei­det fort­lau­fend darüber.

Natür­lich möch­ten wir gast­freund­lich und für die Gäs­te zugäng­lich sein. Aber wir haben auch unse­re Arbeit, um die wir uns küm­mern müs­sen und haben daher nicht viel Mög­lich­keit zu umfas­sen­den Füh­run­gen. Die Gäs­te dür­fen Tei­le der Sta­ti­on besu­chen und sich auf dem Sta­ti­ons­ge­län­de umschau­en, in unse­rem klei­nen Laden ein­kau­fen und bekom­men einen Stem­pel in den Pass, wenn sie es möch­ten. Immer wenn ich die Gele­gen­heit hat­te, habe ich mit den Gäs­ten ein biss­chen gespro­chen, ihnen von der Insel und der Sta­ti­on erzählt. 

Aus wel­chen Län­dern kom­men all die­se Schiffe?
Von den Kreuz­fahrt­schif­fen war es eine nie­der­län­di­sche Ree­de­rei, die mit zwei Expe­di­tio­nen kam, ein japa­ni­sches Schiff, auf dem der Alters­durch­schnitt der Pas­sa­gie­re 85 Jah­re war, die Fram von den nor­we­gi­schen Hur­tig­ru­ten war auch ein Mal hier und dazu noch ein Boot von Natio­nal Geographic.

Das letz­te nie­der­län­di­sche Schiff kam im Juni. Wir wur­den an Bord ein­ge­la­den als die meis­ten Tou­ris­ten an Land waren. Wir sind dann um den Nord-Jan gese­gelt und sind auf der ande­ren Sei­te der Insel wie­der ans Land gekom­men. Das war sehr ein­drucks­voll. Wir haben auch etwas Gemü­se und Obst geschenkt bekom­men, was sehr herz­lich ent­ge­gen­ge­nom­men wurde.

Wie ist es mit per­sön­li­chen Besu­chern — Fami­lie und Freun­den? Es ist wohl nicht so ein­fach, Besuch zu bekom­men oder kurz mal heim zu fahren?
Nein, es ist nicht so ein­fach. Die Lan­de­bahn ist nur ein paar Mona­te im Jahr geöff­net. Der Grund dafür ist nas­ser Sand und viel Ober­flä­chen­was­ser nach dem Win­ter. Es ist auch weit nach Nor­we­gen, ca. drei Stun­den Flug­zeit, also muss man die Rei­se gut pla­nen. Nur Mili­tär­flug­zeu­ge flie­gen hier­her. Man kann zwar auch mit Hub­schrau­bern von Island aus hier­her flie­gen, aber da muss man hier vor der Rück­rei­se nach­tan­ken. Wir haben ein Treib­stoff­la­ger, jedoch nur für den Not­fall, also bekom­men wir kei­ne Hubschrauberbesuche.

Wäh­rend ich hier war, gab es zwei Flug­zeug­an­künf­te. Es war jetzt im August und es lag eine Woche zwi­schen ihnen. Ich hat­te das Glück, Tages­be­such von zwei Freun­den zu bekom­men. Sie waren für ca. fünf Stun­den hier, bevor sie wie­der heim geflo­gen sind.

Außer­dem gibt es immer im März und im Sep­tem­ber Flug­zeug­an­künf­te wegen der Kon­tin­gent­wech­sel und noch eine Flug­ver­bin­dung an Weihnachten.

In der Peri­ode für die man hier ist, gibt es nur sel­ten Gele­gen­heit in den Urlaub nach Hau­se zu flie­gen. Nur in sehr beson­de­ren Fäl­len, wie ernst­haf­te Erkran­kung naher Ange­hö­ri­ger, wird eine Son­der­trans­port­mög­lich­keit organisiert. 

Wie vie­le Men­schen leben ins­ge­samt auf der Insel?
Wir sind hier 18 Men­schen, die eng neben­ein­an­der leben — in guten und schlech­ten Zei­ten, meist in den Guten. Wir essen Früh­stück, Mit­tag- und Abend­essen jeden Tag zum glei­chen Zeit­punkt, wir arbei­ten zusam­men, wir sehen ein­an­der die gan­ze Zeit…

Wenn man sich eure Sei­te anschaut und dort den klei­nen Blog liest, sieht man gleich, dass ihr sehr sozi­al seid und viel Spaß zusam­men habt: es gab Geburts­tags­fei­ern, ein 17. Mai Fest usw. Hat man über­haupt Zeit für sich selbst?
Gute Fra­ge, auf die ich ja und nein ant­wor­ten wür­de. Wenn man sich auf der Insel wohl füh­len soll, ist es wich­tig, gut allein zurecht zu kom­men, aber im sel­ben Grad muss man gut mit ande­ren Men­schen zusam­men­le­ben kön­nen. Man muss zum Gemein­schafts­le­ben und zum Zusam­men­halt bei­tra­gen. Und gera­de das macht ja Spaß. Wenn man ins Eis­meer möch­te, um in Ruhe gelas­sen zu wer­den und iso­liert von ande­ren zu leben, hat man eine fal­sche Vor­stel­lung von dem Leben hier und soll­te noch ein­mal drü­ber nach­den­ken, war­um und ob man hier­her kom­men möch­te. Eine Per­son, die sich von den ande­ren abgrenzt, kann es für die gan­ze Grup­pe kaputt­ma­chen und wird nur sel­ten ange­stellt. Wenn man im Kof­fer per­sön­li­che Pro­ble­me mit­bringt, wer­den sie hier zehn mal grö­ßer. Alles wird sicht­bar. Ist man zu Hau­se etwas trüb­sin­nig, kann man sich sicher sein, dass es durch den Auf­ent­halt hier nicht bes­ser wird. Ich glau­be, dass ein geord­ne­ter Sinn und eine sta­bi­le Gefühls­la­ge nötig sind, damit man hier eine schö­ne Zeit hat.

Die Grup­pe wird zu einer Art gro­ßen Fami­lie. Und wie die meis­ten sicher­lich wis­sen, kön­nen Fami­li­en­abend­essen mal sehr schön sein und mal nicht so viel Spaß machen.  So ist es ein­fach. Eigent­lich den­ke ich über sowas aber sel­ten nach und sehe in die­ser Hin­sicht kein Pro­blem. Die Tage sind in der Regel gefüllt mit viel Lachen und Freu­de. Ich habe hier wun­der­ba­re Men­schen ken­nen­ge­lernt und an man­che Augen­bli­cke mit ihnen wer­de ich mich für immer erinnern.

Und natür­lich ist es mög­lich, allei­ne zu sein. Jeder von uns hat eine klei­ne Woh­nung, in die man sich zurück­zie­hen kann. Es ist hier nicht so wie auf dem Fest­land, wo man sich zwi­schen ver­schie­de­nen Sozi­al­krei­sen frei bewe­gen, halb­nackt in der Woh­nung rum­lau­fen und laut Musik hören kann. Es ist eher wie in einem Stu­den­ten­wohn­heim zu wohnen.

Man kann auch allei­ne wan­dern gehen. Es gibt eini­ge Wan­der­hüt­ten, alte Jäger­hüt­ten und For­schungs­sta­tio­nen, die wir nut­zen dür­fen. Eini­ge sind leich­ter zu errei­chen als ande­re und wenn man wirk­lich allei­ne sein möch­te, kann man für ein paar Tage zu einer von den ganz unzu­gäng­li­chen gehen. Eini­ge haben Platz für nur einen Über­nach­tungs­gast. Und es sind eini­ge Dut­zend Kilo­me­ter bis zum nächs­ten Nachbarn. 

Was war das Tolls­te, das du auf Jan May­en erlebt hast?
Es gibt so viel. Mein Traum war es, auf den Bee­ren­berg hoch­zu­klet­tern, einen Vul­kan, der 2.277 Meter in die Höhe ragt. Die Wan­de­rung dahin steht als Höhe­punkt ganz vorn. Es ist eine fan­tas­ti­sche Tour, bei der man die meis­te Zeit einen Glet­scher mit vie­len Spal­ten und Schluch­ten hoch läuft und eine wun­der­ba­re Aus­sicht genießt. “Die längs­te Stei­gung Nor­we­gens”, wird der genannt. Man beginnt auf Mee­res­ebe­ne und geht nur hoch. Wir sind ins­ge­samt 18,5 Stun­den lang gelau­fen, im strah­len­den Son­nen­schein über 400 Meter Höhe. Unvergesslich!

Und den Über­gang vom Win­ter zum Früh­ling zum Som­mer und zum Herbst hier in der Ark­tis erle­ben zu kön­nen, ist magisch. Die Insel bekommt jeden Som­mer ein neu­es Leben mit allen Vögeln die hier­her kom­men, um zu nis­ten, Walen, die direkt vor der Küs­te jagen, und Farb­kon­tras­ten in der Natur. Aus einer stil­len, win­di­gen und unfrucht­ba­ren Insel, nur mit Schnee, Eis und schwar­zen Lava­stei­nen bedeckt, wird plötz­lich ein Ort voll wim­meln­dem Leben, mit vie­len neu­en Geräu­schen und Far­ben. Es gibt hier kei­ne Bäu­me, aber sehr viel dickes Moos, in dem ich sehr ger­ne lie­ge und dabei die Wol­ken­fi­gu­ren beob­ach­te. Wenn es an einem Tag nass ist und danach das Wet­ter gut ist, wird das Moos irre grün und fast selbst­leuch­tend. Ganz unglaub­lich. Klei­ne Freu­den, aber sie sind unvergesslich.

Nach dei­ner Erfah­rung von den letz­ten sechs Mona­ten — was sind die fünf wich­tigs­ten Sachen, die man dabei haben muss, wenn man auf einer öden (ark­ti­schen) Insel strandet?
Erfin­dungs­ga­be, gute Lau­ne und sehr viel Frei­gie­big­keit den ande­ren Men­schen gegen­über. Dazu auch noch war­me Klei­dung und außer­ge­wöhn­lich gute Schu­he. Die vul­ka­ni­schen Stei­ne sind scharf wie Mes­ser und das Schuh­werk nutzt sich schnell ab.

Du hat­test also eine wun­der­ba­re Zeit, hät­test auch Lust den Win­ter auf der Insel zu erle­ben — heißt es viel­leicht, dass du dich noch­mal auf den Job bewer­ben wirst, um zurück zu kommen?
Ich hof­fe, dass ich ein­mal zurück kom­men wer­de. Es ist ja so schön hier zu sein. Aber ich glau­be, dass das Klügs­te, was man hier­zu sagen kann, wäre, dass ich es am bes­ten wis­sen wer­de, wenn ich von dem Gan­zen etwas Abstand bekom­men habe. Gera­de jetzt befin­de ich mich immer noch in einer Blase.

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