Ein Tag in Berlin — Ein Interview mit Håkan Nesser

Håkan Nesser in Berlin, Foto: Besser Nord als nie!

Geboren 1950 in Kum­la, arbeit­ete Håkan Ness­er zunächst als Lehrer in Upp­sala bevor er sich Vol­lzeit der Schrift­stellerei wid­mete und so wun­der­bare Büch­er wie „Die Schat­ten und der Regen“ oder „Und Pic­cadil­ly Cir­cus liegt nicht in Kum­la“ schrieb. Seit seinem Debütro­man „Kore­ografen“ (der nie ins Deutsche über­set­zt wurde) hat er über 20 Büch­er veröf­fentlicht, die in etwa zwei Dutzend Sprachen über­set­zt wur­den und zählt mit­tler­weile zu den span­nend­sten und erfol­gre­ich­sten Autoren Skan­di­naviens.

Seine Romane sind kun­stvoll. Sie bestechen mit ein­er anspruchsvollen, manch­mal fast lyrischen Sprache, kom­plex­en Fig­uren und Hand­lun­gen, die sich an teils realen, teils fik­tiv­en Schau­plätzen aus­tra­gen. Mit „Am Abend des Mordes“ been­dete er 2012 seine Serie um den Krim­i­nalkom­mis­sar Gun­nar Bar­barot­ti. In Deutsch­land erschien zulet­zt „Die Leben­den und Toten von Wins­ford“.

Nach New York („Die Per­spek­tive des Gärt­ners“) und Lon­don („Him­mel über Lon­don“) wählte Håkan Ness­er Berlin als Schau­platz seines neuen Buch­es. Als er im Novem­ber noch ein­mal für Recherchen nach Berlin kam, nutzte ich die Gele­gen­heit, um mit ihm beim Früh­stück über das „Berlin-Buch“, seine Arbeit als Autor, die Beson­der­heit der deutschen Leser und über das nicht enden wol­lende Phänomen des „Schwe­denkrim­is“ zu sprechen.

Hier geht’s zum Inter­view auf Schwedisch. Inter­vjun på sven­s­ka.

Hal­lo und guten Mor­gen, Håkan Ness­er.
Guten Mor­gen.

Es ist sehr nett, dich ken­nen­zuler­nen und ich freue mich auch sehr, dass du dich für dieses Inter­view bere­it erk­lärt hast! Wie gefällt es dir denn in Berlin?
Ich füh­le mich sehr wohl in Berlin. Es ist ziem­lich schönes Wet­ter, das ist fan­tastisch! Gestern bin ich durch den Tier­garten gewan­dert und es fühlt sich ja wirk­lich noch wie Sep­tem­ber an, obwohl es schon Novem­ber ist.

Dein Buch „Die Leben­den und Toten von Wins­ford“, was jet­zt in Deutsch­land her­aus­gekom­men ist, hast du aus ein­er weib­lichen Per­spek­tive geschrieben, d.h. deine Haupt­per­son ist eine Frau. Wie hat sich das ange­fühlt?
Risky (Schmun­zelt). Aber eigentlich habe ich das vorher auch schon mal gemacht. Zwar kein ganzes Buch, aber in eini­gen Kapiteln. Ich finde das nicht beson­ders kon­tro­vers.

winsford_dtAber fühlt sich es genau­so an wie aus ein­er männlichen Perspek­tive zu schreiben oder doch schw­er­er?
Das Schwierige und Merk­würdi­ge ist ja, über­haupt in den Kopf ein­er anderen Per­son zu gehen. Zu glauben, dass man in gewiss­er Weise eine andere Per­son erschaf­fen kann und diese dann zu ver­ste­hen und wie sie zu han­deln.
Das ist es ja, worum es beim Schreiben geht: In den Kopf ein­er anderen Per­son zu gehen und zu ver­suchen, in der Psy­che dieser Per­son zu graben. Das kann ein 12-jähriger Junge sein oder eine 75-jährige Dame. Genau das – in den Kopf ein­er anderen Per­son zu gehen – das ist der Schritt, den man gehen muss. Man muss sich trauen, diesen Schritt zu gehen, anders geht es nicht.

Aber wie stellst du das an? Deine Charak­tere sind ja oft sehr detail­liert und fast psy­chol­o­gisch dargestellt. Ist das alles Phan­tasie?
Ja, doch das ist es.

Du hast keine Vor­bilder für deine Fig­uren?
Nein, eigentlich nicht. Die einzige Regel, die ich habe, ist, dass ich das schreibe, was ich selb­st lesen wollen würde. Würde ich das als Leser tolerieren, glaube ich es oder nicht?
Man muss als Autor auch Leser sein. Die ganze Zeit. Und dann muss man beurteilen: Würde sie oder er so han­deln, würde sie oder er so denken? Und dann muss man darauf ver­trauen, dass man eine Art Intu­ition oder ein gut feel­ing dafür hat, dass es funk­tion­iert. Es gibt keine andere Meth­ode.
Wenn ich anfange zu schreiben, weiß ich noch nicht alles über eine Per­son. Viele Autoren pla­nen ja viel im Voraus. Aber ich fange immer schon sehr früh an zu schreiben und während des Schreibens entwick­eln sich die Charak­tere auf eine organ­is­che Weise, so zu sagen.

Jet­zt bist du in Berlin, um für dein neues Buch zu recher­chieren. Kannst du darüber ein biss­chen was erzählen?
Ich war schon mal im April hier. Jet­zt laufe ich umher und schaue mir die Sachen an, die ich mir anschauen muss und über­prüfe einige Details. Und dann werde ich das Buch noch mal umschreiben.
Ich brauche näm­lich noch ein paar Adressen, vor allem in der Kno­bels­dorff­s­traße und der Kyffhäuser­straße. Aber ab ein­er gewis­sen Stelle muss ich anfan­gen zu lügen. Ich kann nicht die Haus­num­mern nehmen, die es wirk­lich gibt. Ich kann nicht schreiben „Kyffhäuser­straße 22“, weil es die ja gibt. Und das muss ich heute über­prüfen. Aber die Kno­bels­dorff­s­traße ist so wahnsin­nig lang, die Haus­num­mern gehen wohl fast bis 100. Da werde ich eine Adresse „B“ nen­nen, denn es gibt dort keine Num­mern mit A und B. Dort habe ich dann also eine Adresse die „Kno­bels­dorff­s­traße 36B“ heißt. 36 gibt es, aber nicht 36B.
Die Orte sind schon authen­tisch, aber irgend­wo muss die Fik­tion begin­nen. Man muss an ein­er Stelle lügen dür­fen.
Wenn ich wieder nach Hause nach Schwe­den komme, werde ich das Buch dem Ver­lag übergeben. In Schwe­den soll es dann im August 2015 her­auskom­men und es wird „Elva dagar i Berlin“ (dt.: Elf Tage in Berlin) heißen.

Berlin ste­ht also schon im Titel!
Ja, es han­delt ja schließlich von Berlin. Jet­zt bin ich ja… Ich bin kein Berlin­er – lei­der.

War es denn nicht auch geplant nach Berlin zu ziehen?
Doch, aber das war kein Plan, das war eine Ambi­tion! Wir woll­ten zu erst in New York, dann Lon­don und dann in Berlin wohnen.
Meine Frau ist Ärztin und jet­zt hat sie in Schwe­den einen guten Job und da muss es reichen fürs recher­chieren herzukom­men.
Man wech­selt das Land nicht so häu­fig. Da gibt es eben auch prak­tis­che Prob­leme.  Es ist recht nervig mit den unter­schiedlichen Steuer­sys­te­men – ich habe das in den USA und in Lon­don gemacht… Es reicht hier­her zu fahren.

Nesser_klDeine Erzäh­lun­gen sind oft­mals sehr kom­plex. In „Him­mel über Lon­don“ zum Beispiel hat­test du unter­schiedliche Zeit­ebe­nen, dann flecht­est du häu­fig lit­er­arische Ref­eren­zen ein usw. Kommt das während des Schreibens oder machst du dir da vorher einen Plan?
Ja, doch. Ich habe schon einen Plan. Aber das ist auch von Buch zu Buch ver­schieden. Das Lon­don-Buch ist auch kom­plex, das kann man schon sagen. Da hat­te ich den Plan, dass in der Mitte des Buch­es etwas passieren wird. Da taucht dann eine neue Per­son auf, über die zunächst nie­mand etwas weiß und die sich dann als der Erzäh­ler her­ausstellt. Also das wusste ich natür­lich.
Aber man sollte sich keinen zu detail­lierten Plan machen, son­st ver­liert man die Freude am Schreiben. Oder man tötet sog­ar den kreativ­en Prozess, wenn man schon zu viel fest­gelegt hat. Denn – egal ob du Musik kom­ponierst oder malst – es muss die Möglichkeit geben, dass Sachen passieren, noch während du daran arbeitest.
Du musst Ein­drücke aufnehmen kön­nen. Diese Ein­drücke sind wichtig, denn das ist es, was Schaf­fen aus­macht. Wenn man sich schon von Anfang an ver­schließt und einen zu strik­ten Plan hat, ver­liert man die Schreibfreude.

In der Schule habe ich gel­ernt, Lit­er­atur auf der Grund­lage der Biografie des Autors zu inter­pretieren. An der Uni hieß es dann „der Autor ist tot“…
(Lacht) Ah der Dekon­struk­tivis­mus, ja ja…

Und du deklar­i­erst „der Autor ist auch Leser“.
Ich finde auch, dass der Fokus auf den Autor etwas zu stark ist. Denn die Erzäh­lung sollte im Zen­trum ste­hen. Der Sinn eines Buch­es ist das Leseer­leb­nis. Natür­lich muss es auch einen Ver­fass­er geben, son­st gibt es kein Buch. Aber es ist das Leseer­leb­nis, das im Zen­trum ste­ht.
Und als Autor denke ich nicht daran, was der Leser haben will, son­dern ich beurteile den Text durch die Augen des Lesers. Und diese Per­spek­tive muss ich beim Schreiben so früh wie möglich ein­nehmen, anders geht es nicht.
Jet­zt sitze ich ja ger­ade am Berlin-Buch. Es ist im Grunde fer­tig, aber jet­zt füge ich noch Ref­eren­zen ein. Und dabei bin ich Leser und sehe, was ich bess­er for­mulieren muss und was nicht gut ist.
Die Geschichte soll ja für bei­de pack­end sein – für den Autor und den Leser.
Und die biografis­che Lit­er­aturgeschichte finde ich… It’s over­rat­ed (lächelt). Das war schon immer so. Und vielle­icht überdeutet man dann auch: „Hier dachte Thomas Mann an dieses und jenes…“
Das tat er über­haupt nicht! Er schrieb ein­fach eine Erzäh­lung! Es ist sehr leicht zu glauben, dass Dinge durch­dachter sind, als es eigentlich der Fall ist.

Ich finde, dass du einen sehr speziellen Aus­druck und eine fast lyrische Sprache hast.
Wenn ich einen Text umschreibe – und das tue ich vielle­icht zehn mal – dann sind es die ganze Zeit sprach­liche Verbesserun­gen. Das ist es worum es geht.

Daran arbeitest du am meis­ten?
Ja! Manch­mal find­et man den richti­gen Aus­druck auf Anhieb. Aber ich schreibe recht schnell – zwis­chen fünf und zehn Seit­en am Tag – und da lan­den nicht alle Worte richtig. Wenn man es sich dann noch mal durch­li­est, sieht man Wieder­hol­un­gen und schlechte For­mulierun­gen. Es geht immer Sachen noch bess­er zu machen. Sprache ist uner­hört wichtig.

Denkst du, dass du in Deutsch­land ein anderes Pub­likum hast als woan­ders?
Ja, das tue ich!

Auf welche Weise unter­schei­det sich der deutsche Leser von anderen?
Ja, also ihr Deutschen seid die besten Leser der Welt! Das ist so.

Meinst du das ernst?
Ja, das meine ich ernst! Ich war schon in vie­len Län­dern und ich weiß nicht was es ist, aber… Eine Lesung in Deutsch­land kann ja so ausse­hen, dass ein Autor kommt und sagt „Guten Tag, ich heiße… und das ist mein Buch…“. Und dann kann er 45 Minuten lesen und alle sitzen da und hören zu! Das funk­tion­iert nur in Deutsch­land. In Deutsch­land gibt es eine Art Respekt für Texte oder für das Wort, den es nir­gends son­st gibt.

Aber das hängt sich­er auch davon ab, wer was liest…
Ja, aber trotz­dem. Lesun­gen haben auch eine Tra­di­tion in Deutsch­land. In Schwe­den wird es jet­zt auch mehr so, dass man sich unter­hält, Fra­gen stellt, eine Diskus­sion hat. In Frankre­ich sitzt man immer in ein­er Podi­um­srunde, mit sieben Per­so­n­en und einem Mod­er­a­tor. Und dann spricht man und spricht und spricht… Aber liest eben nie Texte. Fran­zosen lieben es in einem Podi­um zu sitzen und sich zu unter­hal­ten. Und das Pub­likum will es ja so.
Aber hier ist das nicht so. Hier ist es ein Autor und ein Text! Und dann hört man sich den Text an. Ich glaube, dass Leute hier auch mehr lesen und dass auch mehr Büch­er verkauft wer­den. Ihr habt ein einzi­gar­tiges Ver­hält­nis zu Büch­ern und Lesun­gen.

Und sind Lesun­gen nur ein Teil deines Jobs oder auch etwas, das du gern machst?
Bei­des! Ich würde es nicht zu häu­fig machen wollen.
Aber ich kann so ja auch die Welt sehen. Das machen zu dür­fen, ist schließlich auch ein Priv­i­leg. Und natür­lich denke ich, dass es einen Sinn hat, son­st würde ich es nicht machen.
Und wenn ich Lesun­gen zusam­men mit Diet­mar Bär und Mar­garete von Schwarzkopf machen kann, ist es ide­al. Diet­mar Bär ist ein­fach fan­tastisch! Und Mar­garete von Schwarzkopf mod­eriert so leicht und ele­gant. In dieser Gesellschaft ist es fan­tastisch.

Wie sieht es mit Inter­views aus?
Ich mag es schon mich zu unter­hal­ten, aber es kommt auch ein biss­chen darauf an. Du bist vor­bere­it­et, aber manch­mal hab ich Inter­view­er, vor allem in Schwe­den vielle­icht, die nicht das Buch gele­sen haben und die von ein­er Zeitung los­geschickt wer­den. Dann wird es pein­lich. Da bekommt man dann Fra­gen wie „Kannst du ein biss­chen von deinem neuen Buch erzählen?“. Und da merkt man dann, dass sie das Buch nicht gele­sen haben und nicht wis­sen worum es geht. Inter­views sind gut, wenn der Inter­view­er sich bele­sen hat und Ahnung hat. Dann ist es gut, son­st kann es etwas pein­lich sein.

Abge­se­hen davon, was war die dümm­ste Frage, die dir je gestellt wurde?
Die dümm­ste Frage? Die kam von ein­er Frau, die fragte, warum Van Veeteren nie Milch trinkt. Aber das war keine Jour­nal­istin, son­dern jemand im Pub­likum. „Why does Van Veeteren nev­er drink milk?“ (imi­tiert im ern­sten Ton­fall).
Ja… das war die schwierig­ste…
In den Büch­ern geht er auch nie auf Toi­lette… vielle­icht sollte man das schreiben.

Vielle­icht auch nicht.
Gibt es dage­gen eine Frage, die du dir wün­schst, gestellt zu bekom­men?
Nein… Wenn ich eine gute Antwort hätte, würde ich die so oder so geben. Man kann ja eine Frage gestellt bekom­men und auf eine andere antworten. Das passiert doch häu­fig, oder (lacht)?

Bish­er geht es ganz gut.
Wenn wir noch mal auf deine Büch­er zurück­kom­men. Du sagtest, dass du nicht so viel im Voraus planst. Aber wie war das bei den Serien? Über Bar­barot­ti hast du mal gesagt, dass du eigentlich keinen Kri­mi geplant hat­test und Bar­barot­ti selb­st taucht ja auch erst sehr spät auf. Aber irgend­wann wusstest du ja, dass es fünf Büch­er wer­den sollen.
Das wichtig­ste war, dass die Büch­er unter­schiedlich wer­den soll­ten. Das sind sehr unter­schiedliche Geschicht­en, die auch auf unter­schiedliche Weise erzählt wer­den. Zum Beispiel „Das zweite Leben des Her­rn Roos“, das ist kein Krim­i­nal­ro­man. Es ste­ht mit Bar­barot­ti im Zusam­men­hang, aber ist fast kein Kri­mi.
Aber was ich sich­er im Voraus geplant habe, außer dass sie unter­schiedlich sein soll­ten, war das Ver­hält­nis Barbarotti/Gott, dass das an Tiefe gewin­nen sollte. Das begin­nt ja auf eher scherzhafte Weise, wie ein Spiel und dann sollte die Per­spek­tive immer ern­sthafter wer­den. Das wusste ich von Anfang an. Aber das war es eigentlich.

Und wann wusstest du, dass Mar­i­anne ster­ben wird?
Sie hat ja schon in im vierten Buch eine erste War­nung erhal­ten und da wusste ich, dass es in Buch fünf passieren wird und auch, dass das mit dem Tod begin­nen soll.

Denkst du denn, dass das Buch schlechter gewor­den wäre, wenn sie nicht gestor­ben wäre?
(Zögert) Jaaa… ich wollte ja über Trauer schreiben. Darüber wie man weit­er­ma­cht, wenn man eigentlich nicht leben will. Das ist ja ein fan­tastisch gewöhn­lich­es The­ma: Wie geht man mit Trauer um? Wie geht man weit­er, wenn alles, was es gab, nicht mehr da ist? Das war es also, worüber ich schreiben wollte und da gab es keine andere Möglichkeit, das zu machen. Lei­der.

Und was hältst du davon, wenn Leser ent­täuscht oder sog­ar wütend reagieren?
Naja, sie müssen halt damit leben. Ich bes­timme schließlich!

2009 hast du in einem Inter­view gesagt, dass du glaub­st, dass die „Schwe­den­hys­terie“ in zwei bis drei Jahren vor­bei sein wird. Was denkst du jet­zt?
Nor­maler­weise soll­ten solche Dinge wie der Schwe­denkri­mi fünf Jahre haben und dann geht es vor­bei. Durch Stieg Lars­son wurde es aber ver­längert. Aber Deutschland/Schweden, das ist ja eine sehr spezielle Liebe oder Verbindung, die sehr stark ist. Dann ist Skan­di­navien außer­dem durch die ganzen Filme und so weit­er sehr pop­ulär. Aber ich denke trotz­dem it will pass.

Beobacht­est du die schwedis­chen Lit­er­aturveröf­fentlichun­gen?
Ich lese fast gar keine Krim­i­nal­ro­mane, aber ich lese viele Neuer­schei­n­un­gen.

Und was war da das let­zte, was dir gefall­en hat?
Das war wohl Steve Sem-Sand­berg aus Wien. Er hat den August­preis für „Die Elen­den von Lódz“ bekom­men. Das han­delt von einem jüdis­chen Ghet­to in Polen. Und jet­zt kam „Die Auser­wählten“ [noch nicht auf Deutsch erschienen] über Spiegel­grund, einem Teil der Anstalt Stein­hof in Wien, wo Kinder ein­geliefert und hin­gerichtet wur­den. Das ist unglaublich gut geschrieben.
Dann noch Sara Strids­berg, Kristofer Ahlström… viele…

Fühlst du durch die große Konkur­renz der Menge an schwedis­chen Schrift­stellern irgen­deinen Verkaufs­druck?
Nein, über­haupt nicht. Ich bin 64 und ich habe meinen Teil geleis­tet. Ich habe 27 Büch­er geschrieben. Ich brauche auch keins mehr zu schreiben. Ich habe in fast 25 Jahren jedes Jahr ein Buch her­aus­ge­bracht. Nein, ich füh­le keinen Druck.

Und hat­test du je das Gefühl, dass es gewisse Erwartun­gen daran gibt was du schreib­st oder auf welche Weise?
Nein, ich bin da ganz frei. Das Berlin-Buch zum Beispiel ist ein heit­eres Buch, also es ist längst nicht so schwarz wie die anderen. Es hat nicht diese Dunkel­heit. Tage Daniels­son – ich welva dagareiß nicht, ob du ihn kennst, ein unglaublich begabter Komik­er – er hat „Erzäh­lun­gen für Kinder über 18 Jahren“ her­aus­gegeben. Und dieses Berlin-Buch hat den Unter­ti­tel „Erzäh­lung für Kinder über 18 Jahren“.

Kannst du etwas über den Pro­tag­o­nis­ten ver­rat­en?
Ja, klar. Das ist ein junger Mann aus Schwe­den, der nach Berlin kommt. Er ist etwas retard­ed wie man auf englisch sagt. In sein­er Kind­heit hat­te er einen Unfall. Er kommt nach Berlin aus einem bes­timmten Grund. Als sein Vater stirbt, erzählt er ihm „Deine Mut­ter ist nicht tot“. Er ist nur mit seinem Vater aufgewach­sen, denn seine Mama starb, als er sehr jung war – das hat zumin­d­est der Vater gesagt. Aber so war es nicht. Und das erfährt er, als sein Vater im Ster­ben liegt. „Deine Mama hat uns ver­lassen und ist nach Berlin gegan­gen“. Er ist nun 35 Jahre alt und hat ihre Adresse. „Du sollst hin­fahren und nach ihr suchen und ihr das hier geben“. Und das macht er dann.

Wird das wirk­lich das vor­let­zte Buch, so wie du es mal in einem Inter­view gesagt hast? Es gibt sich­er viele, die das nicht hof­fen.
Ja, aber jedes Buch muss ja gewis­ser­maßen etwas Neues haben. Ich arbeite an einem weit­eren, aber dann weiß ich nicht.
Vielle­icht kann ich ja auch gar nicht aufhören. Vielle­icht sitze ich hier noch in zehn Jahren, esse Früh­stück und erzäh­le, dass ich aufhören werde. Ich weiß es nicht.

Vie­len Dank für das Inter­view!

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