Die Einsamkeit der Seevögel von Gøril Gabrielsen

Gøril Gabrielsen Bild: Besser Nord als nie!Foto: Besser Nord als nie!

von Mar­ti­na Sander

Eine Wis­senschaft­lerin beobachtet im Win­ter im Nor­den Nor­we­gens das Leben der Seevögel, ganz allein. Die Rou­tine in der Sta­tion, die Forschungsar­beit­en gestal­ten ihren All­t­ag und geben ihr in der Ein­samkeit ein Gerüst; auch die Skype-Tele­fonate mit ihrem Geliebten sind feste Größen, denen sie ent­ge­gen­fiebert, auch wenn dieser bei den Gesprächen immer zöger­lich­er wirkt. Aber ihr Eremi­ten­da­sein und die Kälte fordern ihren Trib­ut. Die geistige Klarheit, die sie sich bei ihrem Ausstieg erhofft hat, weicht mit jedem Tag mehr den inneren Dämo­nen, den Schuldge­fühlen, den pri­vat­en ungelösten Kon­flik­ten.
Als sie von einem schreck­lichen Dra­ma erfährt, dass sich vor Jahren in ihrer kleinen Hütte abge­spielt hat, weiß sie bald nicht mehr, ob sich die selt­samen Vorkomm­nisse in ihrem Kopf abspie­len oder ob doch eine reale Gefahr dro­ht.

Gøril Gabrielsens lakonis­che Sprache zieht in den Bann und bietet trotz­dem pralles Lesev­ergnü­gen, ihre Naturbeschrei­bun­gen lohnen sich schon ohne Plot. Der raf­finierte Kun­st­griff der Ich-Per­spek­tive ger­ade hier erzielt das max­i­male Iden­titäts­ge­fühl der Lesenden und lässt sie die zunehmende Bedro­hung mit­spüren. Der ver­meintliche Irrsinn der Pro­tag­o­nistin, deren Namen wir nie erfahren, überträgt sich über deren Bewusst­seinsstrom und lässt erschauern. Die Atmo­sphäre ist unan­genehm, die Stim­mung zunehmend ang­ster­füllt, das Set­ting ist Ödnis. „Die Ein­samkeit der Seevögel“ ist ein ele­gan­ter Psy­chothriller, der allerd­ings keine Auflö­sung erfährt und den auf Ein­deutigkeit bedacht­en Lesenden rat­los in der Finn­mark ste­hen lässt. 

Info:
Gøril Gabrielsen — Die Ein­samkeit der Seevögel
Aus dem Nor­wegis­chen von Han­na Granz
Insel Ver­lag, 174 Seit­en

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