Alles, was ich nicht erinnere” von Jonas Hassen Khemiri

Foto: Staffan Löwstedt

von Mar­ti­na Sander

Samuel ist tot, er ist mit dem Auto gegen einen Baum gefahren. War es ein Unfall, war es Selb­st­mord oder Mord? Ein Jour­nal­ist recher­chiert und befragt Fre­unde, Ver­wandte, sehr nahe Ange­hörige. Wer war also Samuel? Die Rekon­struk­tion sein­er Per­son erfol­gt über das Gespräch mit den Men­schen, die ihn kan­nten, und wie aus Split­tern eines Kalei­doskops set­zt sich ein Samuel nach und nach aus Erin­nerun­gen, Anek­doten, sub­jek­tiv­en Wahrheit­en oder offe­nen Lügen zusam­men. Das schafft inter­es­sante Ein­blicke in die men­schliche Psy­che, der Leben­den und des Toten. Der beste Fre­und von Van­dad, Lieb­haber von Laide und lieben­der Enkel; intro­vertiert­er Gren­zgänger und ein­er, der sein Erleb­niskon­to immerzu auf­füllen muss? Mit jed­er Seite des Buch­es wer­den mehr und mehr Details zusam­menge­tra­gen, die Antwort auf alle Fra­gen bleibt aber let­z­tendlich aus.

Jonas Has­sen Khemiri, Jungstar der schwedis­chen Lit­er­aturszene, selb­st Sohn ein­er schwedis­chen Mut­ter und eines tune­sis­chen Vaters, hat einen fik­tiv-doku­men­tarischen Roman geschrieben, über eine entwurzelte (Rand-)Gesellschaft in Stock­holm. Migranten und Asyl­suchende im gegen­wär­ti­gen Schwe­den tre­f­fen auf Struk­turen, die sich nicht in dem Tem­po mitverän­dern. Die Akteure haben Eltern aus ver­schiede­nen Län­dern, kom­men selb­st aus man­nig­falti­gen Kul­turen und Schicht­en, sprechen in jedem Sinne ver­schiedene Sprachen. Das fehlende Zuge­hörigkeits­ge­fühl verun­sichert die Men­schen, ein abwe­sender Vater, eine ablehnende Mut­ter, eine Schwest­er, die nicht trauert, sym­bol­isieren hier die sich verän­dern­den famil­iären Bande ein­er Bevölkerung im Umbruch.

Ele­gant, wort­ge­waltig, auf eine rup­pige Art poet­isch ist „Alles, was ich nicht erin­nere“ ein Genuss für Sprachäs­theten. Das Buch ist anfangs allerd­ings auch eine lit­er­arische Her­aus­forderung. Lediglich ein Sternchen kündigt einen Per­spek­tivwech­sel an, das ver­langt höch­ste Konzen­tra­tion, führt schon mal zu Ver­wirrung und Frust. Aber nach und nach fügen sich die Textfet­zchen, Gespräch­spro­tokolle zu einem Flick­en­tep­pich aus Worten und kom­plexe Charak­tere entste­hen, mit ihren Schick­salen, Hin­ter­grün­den und Geschicht­en, und der Schleier hebt sich.

Wer auch den Dra­matik­er Khemiri ken­nen­ler­nen will, hat wieder im Feb­ru­ar die Gele­gen­heit: Die Schaubühne zeigt ≈ [unge­fähr gle­ich].

Erhältlich in eur­er Buch­hand­lung vor Ort.

Info:
“Alles, was ich nicht erin­nere” von Jonas Has­sen Khemiri
Aus dem Schwedis­chen von Susanne Dah­mann 
Ver­lag: DVA Bel­letris­tik, 336 Seit­en

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